Wertschöpfung durch digitale Transformation: Mittelstand 4.0.

„In Deutschland gibt es mehr Probleme mit der Digitalisierung als in anderen Ländern. Mehr als die Hälfte der Deutschen hat vom Internet keine Ahnung. Auch im Ausbau des Breitbandnetzes sind uns viele andere Länder weit voraus!“ Mit diesen drastischen Aussagen warnte Achim Himmelreich, Director Digital Transformation bei Capgemini Deutschland und Vizepräsident des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW) e.V., besonders den Mittelstand, die Digitalisierung nicht zu verpassen. Die Industrie habe die Digitalisierung schon hinter sich - was lässt sich daraus lernen?, fragte er in seinem Vortrag „Wertschöpfung durch digitale Transformation: Mittelstand 4.0“ vor dem Marketing-Club Münster/Osnabrück.

Die Angst vor und der Widerstand gegen die Digitalisierung seien bei Politik, Medien und nicht zuletzt in der Bevölkerung allgegenwärtig. Doch habe es Innovationen schon immer gegeben und immer seien dabei bestehende Grenzen zerstört, dafür neue geschaffen worden. „Einige Industrien verschwinden, neue entstehen. Was sich verändert hat, ist die Geschwindigkeit: die Zeitabstände werden immer kürzer, das Tempo ist erschreckend hoch.“

Digitalisierung bedeute die Verwandlung physischer Güter in ein Stück Software, erklärte Himmelreich. Informationen, die bisher gar nicht oder nur physisch gespeichert wurden, werden plötzlich universell verfügbar, weiter verarbeitbar und reproduzierbar. Damit bilden sich völlig neue Möglichkeiten heraus, sie zu verwenden. „Dieser Entwicklung muss sich jede Industrie stellen, die Bedrohung trifft alle gleichermaßen."

 

Das Technologierisiko unterschätzt und aus dem Wettbewerb gedrängt

„Die neuen Wettbewerber kommen nicht aus der eigenen Branche. Die technologischen Innovationen, die für Konkurrenz, Risiko und Disruption sorgen, stammen von Internetunternehmen. Daraus entstehen neue Geschäftsmodelle, ganz anders getaktet“, berichtete Himmelreich. So habe beispielsweise der Messenger-Dienst WhatsApp den Telekommunikationsunternehmen immense Umsatzverluste beschert. In vielen großen Städten habe der Dienstleister Uber die Taxiunternehmen bereits verdrängt. Und mit der guten, alten Schallplatte oder CD konnte man Musik noch weiter reichen. Auch bei iTunes kaufte und besaß man noch immer die Musik. Ganz neue Geschäftsmodelle kamen schließlich mit den Streamingdiensten, die nur noch den Zugriff ermöglichen, auf. „Das hat den Musikmarkt völlig umgekrempelt. Zahlreiche weitere, etablierte und traditionsreiche Unternehmen in Industrie, Handel und Dienstleistung haben das Technologierisiko unterschätzt und sind bereits aus dem Wettbewerb gedrängt worden.“

Der Digitalisierungsgrad heute sei je nach Betroffenheit der Branche unterschiedlich hoch. Während Unternehmen im Telekommunikationsbereich, in Media und Entertainment zu den Pionieren zählen, verhalten sich konservative Industrien eher risikoscheu und liegen noch weit zurück.

Dabei sei die Digitalisierung für Unternehmen eine einmalige Gelegenheit, in neue Marktsegmente hineinzuwachsen. Letztlich betreffe sie alle, überall und mit weitreichenden Konsequenzen in allen Bereiche des Geschäftslebens. Sie zwinge die Unternehmen, sich permanent auf allen Ebenen neu zu strukturieren und zu organisieren und durch Innovationen Wettbewerbsvorteile zu erzielen.

 

Kleine Ursachen mit großen Wirkungen

„Und jetzt kommt auch noch das Internet of things, das nächste große, wenn nicht sogar das größte Ding der Digitalisierung“, kündigte Himmelreich an. Durch den kumulativen Effekt neuer Technologien als Ausgangspunkt weiterer Technologien führe das Internet der Dinge im Massenmarkt zu exponentiellem Wachstum. Das Problem sei: „Viele Unternehmen aus der alten Welt denken noch nicht so weit. Ob Service, Handel, Arbeitsmarkt, Gesundheitsbranche oder Mobilität: Die Digitalisierung verändert wie keine wirtschaftliche Revolution zuvor Ökonomie und Gesellschaft. Bereits kleine Ursachen werden große Wirkungen hervorrufen.“

So wird die digitale Transformation den Handel bis zum Jahr 2020 substantiell verändern. Dessen Geschäftsmodell beruhte bisher auf Angebot und Kauf zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort, die Kunden wurden durch Werbung informiert und zum Handel gelockt. „Doch der traditionelle Handelskäufer stirbt aus und mit ihm der traditionelle Handel. Handel und Hersteller müssen zukünftig überall dort sein, wo der Kunde ist, Präsenz an allen Orten und auf allen Kanälen ist gefragt. Dem Kunden müssen durch den vollständig digitalisierten Point-of-Sale alle Möglichkeiten geboten werden, die er aus dem E-Commerce und dem stationären Handel kennt. Die Geschäfte verschwinden zwar nicht, aber sie verändern sich. Die ganze Welt wird zum Shop.“ Nicht mehr Einkaufs- und Verkaufslogik stehen im Vordergrund, sondern datenbasierte, personalisierte und kontextsensitive Transaktionen.“ Auch dem Einzelhandel ermögliche das Internet of things, direkt, individuell und interaktiv mit dem Kunden in Kontakt zu treten, beispielsweise durch personalisierte Werbung und Empfehlungen, Feedbackschleifen, mobile Einkaufslisten und Bezahlmöglichkeiten. Letztlich entstehe eine neue und nahtlose Customer Journey mit vielen Herausforderungen für den Handel, aber auch mit neuen digitalen Chancen und Potenzialen.

„Ganz viel passieren wird in Arbeitswelt, die gute alte Mitte wird wegbrechen,“ kündigte Himmelreich an. Gefährdet seien alle automatisierbaren Jobs. Eine Studie der Universität Oxford im Jahre 2013 habe ergeben, dass in den nächsten 20 Jahren die Wahrscheinlichkeit der Computerisierung eines US-Arbeitsplatzes in den Bereichen Verwaltung, Dienstleistung und Verkauf bei nahezu 50 Prozent liege: Besonders gefährdet seien die Jobs von Immobilienmaklern, Bürokaufleuten, Taxifahrern - und Restaurantköchen. Kürzlich habe er eine im 3D-Druck gefertigte Pizza gegessen, erzählte Himmelreich. „Noch nicht so gut wie die vom Italiener an der Ecke, aber auch im Lebensmittel-Bereich haben wir noch viel zu erwarten." Nur die menschliche Intelligenz sei nicht automatisierbar und digitalisierbar. „Die menschliche Aritskraft wird nicht überflüssig, aber sie wird sich auf andere Bereiche – beispielsweise Expertentum, Erziehung, soziale und kulturelle Dienstleistungen - konzentrieren müssen.“

 

Wer die besseren Daten hat, hat die besseren Chancen!

In der Automobilindustrie sei der Kampf um die Vernetzung bereits voll entbrannt. Die Ansprüche der Kunden wandeln sich, nicht mehr Produkt und Extras stehen im Vordergrund. Der Trend gehe zu Carsharing, Pay-per-use und ganz neuen Mobilitätslösungen. Das Auto wird zum Datensammelpunkt die Schnittstelle zum Fahrer bilden Connected Services. Intelligente Nutzung der Daten führe zu ganz neuen Geschäftsmodellen und Erlösquellen. Marktentscheidend sei auch hier die Frage, wer diese Plattformen betreibe und letztendlich profitiere. „Denn wer die besseren Daten hat, hat die besseren Chancen!“ Und weiter zog Himmelreich die Verbindung zum Handel: „Durch das autonome Fahren haben die Fahrzeuginsassen wiederum mehr Zeit für Online-Einkäufe…“

Im Gesundheitswesen lassen sich durch am und im Körper getragene Mess- und Warnsysteme Erkrankungen frühzeitig  behandeln oder sogar gänzlich vermeiden. Die Lebensqualität werde sicherlich steigen. Doch stelle sich beispielsweise die Frage, wie sich ein datenbasiert festgestellter risikoreicher Lebenswandel auf den Beitrag zur Krankenversicherung auswirke „Wir müssen und werden sicherlich Möglichkeiten und Grenzen der Datennutzung immer wieder diskutieren und aushandeln“, sprach Himmelreich Fragen und Bedenken in datenschutzrechtlicher wie ethischer Hinsicht an. Durch eine zögerliche Haltung oder Ablehnung lasse sich die Digitalisierung jedoch nicht aufhalten. „Im B2C-Bereich wird der Markt bereits dominiert von US-amerikanischen Unternehmen – Google Facebook, Amazon etc. Die Neuverteilung in den B2B-Märkten, dem Herzstück der deutschen Wirtschaft, steht in den nächsten Jahren an. Sollte es nicht zu einem fundamentalen Einstellungswechsel kommen, steht Deutschlands Wohlstand zur Disposition“, warnte Himmelreich.

 

Was also tun?

Was also tun als Mittelständler? „Fangen Sie an, über neue Geschäftsmodelle nachzudenken!“, forderte Himmelreich. Er empfahl die Business Canvas-Methode, mit der sich Geschäftsmodelle und Ideen übersichtlich aufschlüsseln und weiter entwickeln lassen. Weiter wies er auf Capgeminis Applied Innovation Exchange hin, einem System, das den Prozess von Beginn des Innovationszyklus bis zur konkreten Implementierung verkürzt, sowie auf weitere in Verbindung mit dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) entwickelte Anwendungen und Tests zum digitalen Reifegrad.

 

 

Titelbild:

(V.l.) Thomas Hans, Präsident des Marketing-Clubs Münster/Osnabrück, Gaby Hampel - Leitung Club-Programm, Achim Himmelreich, Gerburgis A. Niehaus, Geschäftsführerin Marketing-Club, und Albert Hirsch, Vizepräsident Marketing-Club.

 

 

Capgemini

Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) e.V.

 

 

 

Fotos der Veranstaltung