Die Näherei – die Erfolgsgeschichte von Osnabrücks erstem Nähcafe

„Der Marketingplan stand vor der Geschäftseröffnung“, erzählte Britta Borgstädde den Gästen vom Marketing-Club Münster/Osnabrück bei der Juniorveranstaltung vor Ort - „und er ging auf“. Mit der Hilfe eines befreundeten Marketing-Fachmannes hatte sie Außenwerbung, Flyer und eine Internetseite erstellt und auch schon einige „Likes“ bei Facebook gesammelt. Der Eröffnungstermin hatte sich herumgesprochen und zahlreiche Freunde und Näh-Interessierte sich am Eröffnungstag in Osnabrücks erstem Nähcafe „Die Näherei“ eingefunden.

Ein Glücksfall, dass die Osnabrücker Tageszeitung ebenfalls aufmerksam geworden war und einen halbseitigen Bericht samt Interview und Fotos veröffentlichte. Mehrere regionale Hörfunk- und Fernsehsender zogen mit ihrer Berichterstattung nach. Und so ist das Nähcafe heute - rund zehn Monate nach der Eröffnung - weit über die Grenzen Osnabrücks hinaus bekannt.

Dass der Bedarf nach einer Nähwerkstatt in Osnabrück vorhanden und groß war, hatte Britta Borgstädde vor der Unternehmensgründung bei einer Befragung von 100 Kunden eines Osnabrücker Stoffgeschäftes festgestellt. Und damit fiel der Startschuss, einen langgehegten Traum zu realisieren: Einen Treffpunkt mit gemütlicher Atmosphäre zum gemeinsamen Nähen, zum Erfahrungsaustausch, für Veranstaltungen und Workshops. Die Idee dazu stammt aus Zeiten ihrer Tätigkeit als freiberufliche Hebamme. Sie selbst war immer schon gerne kreativ und stellte fest, dass es bei den werdenden Müttern viele Gleichgesinnte gab, die Freude daran hatten, Unikate für den Nachwuchs zu fertigen, sich dabei gegenseitig zu helfen und auszutauschen.

Ein Termin im Gründerhaus der Stadt Osnabrück folgte, ebenso Seminare zu Themen wie Business-Plan, Steuern, Finanzierung... „Die Männer von der Bank von meinem Geschäftskonzept zu überzeugen, war schwieriger als gedacht“ beschrieb Britta Borgstädde anfängliche Stolpersteine auf ihrem Weg zur Unternehmerin. Das Vorhaben, ein Ladenlokal im Innenstadtbereich zu mieten, gab sie wegen der hohen Mietpreise schnell wieder auf. Schließlich fanden sich im Osnabrücker Stadtteil Widukindland geeignete Räumlichkeiten, ein leer stehender ehemaliger Supermarkt mit rund 260 Quadratmetern Fläche. Zwar nicht die erträumte Innenstadtlage und damit weniger Laufkundschaft, dafür aber genügend Platz und Parkmöglichkeiten – ein Standortvorteil, wie sich im Nachhinein herausstellte. Denn viele Kunden kommen mit dem PKW aus dem Osnabrücker Umland und bringen zudem ihre eigenen, nicht gerade leichten, Nähmaschinen mit.

Die Näherei ist hell, großzüging und gemütlich eingerichtet. Neben dem Tisch mit den zehn Nähmaschinen und dem großen Zuschneidetisch finden sich Mietregale, in denen die Kunden eigene Kreationen zum Verkauf anbieten, große Ständer mit Stoffballen und Nähutensilien, eine Sitzecke mit selbst aufgearbeiteten Möbeln und eine Kaffeebar. Für 6 Euro je Stunde kann jeder in der offenen Nähwerkstatt die Maschinen nutzen. Zusätzlich werden außerhalb der regulären Öffnungszeiten Workshops angeboten.

Ein Problem, das die Jungunternehmerin nicht bedacht hatte, war der Gebietsschutz. Einige Stoffhändler weigerten sich, sie zu beliefern. Aber Britta Borgstädde ließ sich nicht unterkriegen und fand andere Händler, die ihren Anforderungen genügten. „Das Sortiment wächst kontinuierlich, beim Wareneinsatz hatte ich allerdings anfangs viel zu geringe Mengen angesetzt. Und die Qualität der Stoffe erforderte eine andere Preiskalkulation, als ursprünglich gedacht“.

Zeitlich hatte sie sich ebenfalls verkalkuliert. Anders als geplant ist sie eigentlich immer da, auch wenn sie sich auf die Unterstützung zweier angestellter Schneiderinnen verlassen kann. „Ich gebe Hilfestellung beim Nähen, berate beim Stoffkauf, betreue die Workshops oder bereite Getränke an der Kaffeebar zu.“ Der persönliche Kontakt zu den Kunden ist ihr sehr wichtig. So erfährt sie aus erster Hand, was bei ihnen ankommt: „Unsere Stoffe werden überwiegend in Deutschland und Europa gefertigt, sind öko-zertifiziert und in Bio-Qualität. An der Kaffee-Bar bereiten wir Fair-Trade-Produkte zu, der Kuchen stammt aus einer Osnabrücker Bäckerei. Das Wichtigste ist, dass unsere Kunden sich wohlfühlen, denn ein zufriedener Kunde bringt zwei neue!“  

Viele kämen erst einmal nur, um sich umzuschauen, in den Handarbeitszeitschriften zu blättern und Kaffee zu trinken. Die meisten kämen wieder und dürfen gern auch eigene Nähmaschinen und Materialien mitbringen - darin unterscheidet sich die Näherei von Nähcafes in anderen Städten.

Zur besseren Planung und finanziellen Absicherung hat Britta Borgstädde ein besonderes Angebot eingeführt: Die Abo-Card, die den Kunden Vorteile in Form von Gratis-Nähzeit, Rabatten bei Stoffkauf und Getränken und bei der Reservierung von Workshop-Plätzen einräumt und sie gleichzeitig als Stammkunden an das Nähcafe bindet.

Auch aus der Zusammenarbeit mit einem alteingesessenen Osnabrücker Nähmaschinenhändler schöpft die Näherei Vorteile. Events des Nähmaschinenspezialisten im Nähcafe haben schon so manchen Kunden gebracht, gleichzeitig findet man bei diesem fachmännische Hilfe und Beratung in allen Fragen rund um die Maschine.

„Insgesamt läuft es sehr gut,“ ist Britta Borgstädde mit der Situation ihres jungen Unternehmens zufrieden, „aber vieles anders als gedacht und geplant. Das Konzept ändert sich, sobald man es in die Praxis umsetzt und wächst mit den Kunden weiter."

"Interessante Einblicke in die Gründungs- und Anfangszeit eines Unternehmens", waren sich die Junioren des Marketing-Clubs Münster/Osnabrück nach dem Vortrag einig und tauschten sich noch lange mit Unternehmerin Britta Borgstädde über die Geschäftsidee und deren Umsetzung aus.

 

 

Fotos der Veranstaltung

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Fotos: Gruber