Gerburgis A. Niehaus: Das Rätsel um den Cappuccinoblick - schwierige Situationen meistern mit drei einfachen Fragen

Was hat es mit dem Cappuccinoblick auf sich? Und wie lassen sich Probleme durch drei einfache Fragen lösen?

Bevor Gerburgis A. Niehaus, selbständige Business Coach und Geschäftsführerin des Marketing-Clubs Münster/Osnabrück, den Club-Mitgliedern und Gästen in ihrem Vortrag diese Fragen beantwortete, erzählte sie dem Publikum die Entstehungsgeschichte des von ihr entwickelten Coaching-Tools, das sie seit geraumer Zeit erfolgreich einsetzt.

In einer Situation beruflicher Neuorientierung entdeckte sie vor einigen Jahren Naikan. Die aus dem Buddhismus stammende Methode zur Selbsterkenntnis bewirke, innere Konflikte zu aufzulösen. Naikan, übersetzbar mit „Innen-Sicht“, sei keine Religion oder Esoterik, sondern die Aufstellung einer Soll/Haben-Bilanz für Beziehungen einschließlich der Investitionsrechnung – und zudem harte Arbeit, beschrieb Niehaus ihre Erlebnisse bei insgesamt drei mehrtägigen Schweigeseminaren im Naikan-Stammhaus bei Bremen.

Im Mittelpunkt von Naikan steht die intensive Beschäftigung mit drei Fragen:

  1. Was hat ein (mir nahestehender) Mensch für mich in einem definierten Zeitraum getan?
  2. Was habe ich für diesen Menschen in diesem Zeitraum getan?
  3. Welche Schwierigkeiten habe ich diesem Menschen in dem Zeitraum bereitet?

Konzentriertes Nachdenken und intensive Erinnerung bei absolutem Schweigen führten zur Schärfung der Wahrnehmung. „Durch das Erinnern durchlebt man die betreffenden Situationen erneut. Indem man dem Naikan-Leiter, der sich jeglichen Kommentares oder Urteils über das Gehörte enthält, über die erarbeiteten Antworten berichtet, erfährt man schließlich einen inneren Reinigungsprozess“, erklärte Niehaus, mittlerweile selbst ausgebildete Naikan-Begleiterin, dem Publikum.

Wichtig sei, die vierte Frage, die sich automatisch einstellen würde, auszublenden: Was hat der andere mir getan? Denn diese Frage führe zu Ohnmacht, die Handlungsmacht würde abgegeben. Ließe man die vierte Frage jedoch außer Acht, könne man eine selbstverantwortliche Haltung einnehmen und eigene Ressourcen aktivieren. Daraus ergäben sich ganz neue Wege zur Lösung des Konfliktes. „Letztendlich liegt die Entscheidung bei mir, ob ich meine Handlungsmacht abgebe oder behalte!“

Mit Naikan, erzählte Gerburgis A. Niehaus, hätte sie nicht nur eine hervorragende Möglichkeit entdeckt, für sich innere Konflikte zu lösen. Das Prinzip der drei Fragen transportierte sie ins Management und entwickelte daraus ein Coaching-Tool, das sie in ihrem Beruf als Business Coach immer wieder erfolgreich einsetzen konnte. Die auf das Problem abgewandelten Fragen helfen ihren Klienten, für sich schwierige Beziehungen zu Vorgesetzten, Kollegen oder auch Kunden zu klären, indem sie sich das eigene Verhalten, Ziele oder in der Vergangenheit begangene Fehler bewusst machen.

An dieser Stelle löste Gerburgis A. Niehaus auch das Rätsel um den Cappuccinoblick auf. Den Begriff hatte sie von dem ehemaligen Direktor des Hamburger Hotel Atlantik, Sebastian Heinemann, entliehen. Dieser hatte vor einigen Jahren vor dem Marketing-Club Münster/Osnabrück einen Vortrag über Führung und Motivation gehalten und von dem Problem zahlreicher Beschwerden der Hotelgäste über unaufmerksame Kellner erzählt. Denn die Vielzahl der nahezu gleichzeitig geäußerten Bestellungen  der rund 480 Gäste im voll belegtem Hotel, die allesamt morgens am Frühstückstisch – natürlich mit Blick auf die Alster - zwischen halb zehn und zehn Uhr ihren Cappuccino trinken wollten, führte zu erheblichem Stress beim Personal. Und so hätten die Kellner den Cappuccinoblick aufgesetzt und fokussiert auf die vielen bereits aufgegebenen Bestellungen auf dem Weg zur Küche stur geradeaus geschaut und weitere Wünsche ignoriert. „Die Unzufriedenheit der Gäste, die nicht beachtet wurden, können Sie sich sicherlich gut vorstellen. Denn wer wird schon gerne übersehen“, gab sie die Anekdote wieder.

„Diesen Cappuccinoblick setzen wir alle nur allzu oft auf“, zeigte die Business Coach Parallelen zum beruflichen Alltag auf. „Wir sehen nur das, was andere uns antun und nicht unseren eigenen Anteil daran! Naikan hilft, den Cappuccinoblick zu verlieren und eine neue Perspektive einzunehmen.“

Anhand verschiedener Beispiele aus ihrer Berufspraxis verdeutlichte Niehaus, wie sie Naikan im Management erfolgreich in Einzel- wie auch Teamcoachings eingesetzt habe, um Konflikte mit hoher Wertschätzung aller Beteiligten füreinander aufzulösen.

Dass das Publikum von dem Vortrag fasziniert war, zeigten nicht nur die vielen Fragen zu den Schweigeseminaren und Naikan als Management-Methode. Besonders die Anmerkung, dass Naikan seit einigen Jahren in Niedersachsen im Justizvollzug eingesetzt würde, um Straftäter zur Selbstreflexion ihres Verhaltens zu bringen und ihnen die Eigenverantwortlichkeit für ihr Handeln bewusst zu machen, führte zu angeregten Diskussionen beim sich anschließenden Get-together.

 

gan business coaching